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Plötzlich Pirat

Ich wollte schon seit Teenagerzeiten Skateboard fahren. Der Gedanke auf dem Board über den Asphalt zu gleiten hatte immer etwas von Freiheit in sich. Allerdings gehöre ich nicht unbedingt zu den risikobereiten Menschen..und auf Schmerz stehe ich schon gleich garnicht. Das hatte mich bisher daran gehindert mich ans Skateboarden zu wagen. Die Wahrscheinlichkeit dass ich mir etwas breche ist ganz schön hoch. Das war zumindest immer mein Gedanke. Also hab ich es gelassen. Zudem hatte ich auch nie jemanden der es mir hätte zeigen können. Also hatte ich noch eine perfekte Ausrede um nichts wagen zu müssen.

Im Mai diesen Jahres war ich eine Woche in Italien. Diese eine Woche ohne Verpflichtungen und Druck hat mich von so einigem Ballast befreit. Vieles davon war Kopfsache. Ich kam lebensfroher und selbstbestimmter zurück als ich es je in meinem Leben gewesen bin – die perfekte Zeit um etwas zu wagen! Oder?

Also hab ich mein Skateboard (das ich mir vor zwei Jahren fest entschlossen gekauft hatte) wieder zusammengeschraubt und los ging es. Zu meinem erstaunen lief es besser als gedacht. Ich war total motiviert und hatte jetzt noch mehr Lust aufs Skateboarden.

Um es kurz zu machen: als ich das dritte Mal auf dem Board stand – Bäm! – Sprunggelenk gebrochen. Ich hab beim Sturz noch nach unten auf meinen Fuß geschaut und dachte mir „der Winkel zum Asphalt und das Krachen das gerade aus meinem Bein kam: da ist was kaputt gegangen!“. Ich kürze die abenteuerliche Story wie ich auf allen vieren über den Asphalt gekrochen bin, neben meinem Auto bewusstlos gewurde und beim aufwachen festellen musste, dass es Radfahrer gibt die bewusstlose Frauen am Wegesrand konsequent ignorieren..einfach mal ab.

Krankenhaus – OP – Platte im Bein – 6 Wochen nicht gehen.

Es war frustrierend. Nicht dass es passiert ist. Sondern der Umstand  nicht gehen zu dürfen. Der Alltag schien nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus nicht zu bewältigen. Wir wohnen über zwei Etagen, das Schlafzimmer im Erdgeschoss, die Toilette im 1. Stock. Ein absoluter Alptraum für eine Frau mit Krücken und Periode. Mittlerweile ist der Alltag kaum noch problematisch, eher phasenweise frustrierend weil ich mich hier in der Wohnung gefangen fühle. Wobei sich auch das mittlerweile gebessert hat. Das kann aber an den geringeren Schmerzen und den schönen Sonnentagen liegen kann.

Was mich allerdings begeistert ist Folgendes: Noch vor nicht all zu langer Zeit hätte mich der Unfall in ein großes Loch gestürzt. Ich hätte mich beinahe gehasst weil ich so dumm war es überhaupt zu versuchen und hätte alles auf meine allgemeine Unfähigkeit überhaupt irgendetwas auf die Reihe zu bekommen geschoben. Ich hätte all das dafür genutzt um meine ohnehin zerstörerischen Selbstzweifel zu bestätigen und weiter ins Extreme zu steigern. Das ist aber nicht passiert. Und es wundert mich! Leute, es wundert mich wirklich. Und DAS ist eigentlich erschreckend. Das heißt nämlich, dass diese Reakton für mich eigentlich völlig natürlich war (..ziemlich selbstzerstörerisch!). Es war bisher völlig normal jede noch so unwichtige negative Kleinigkeit zu nutzen um mich selbst zu zerstören. Erschreckend! Das ist nichts seltenes.. zu vielen Menschen geht es so. Aber wenn man distanziert davon mal drüber nachdenkt etwas sehr Trauriges!

Aber es kam anders. Da waren keine selbstzerstörerischen Gedanken. Da war kein „Ja, war klar. Denn du bist für alles zu dumm! Du bekommst einfach NICHTS hin!“. Nein. Wow! Was ist passiert? Es war ein Unfall. Dumm gelaufen. Ja vielleicht war ich übermütige. Keine Ahnung, das kann schon sein. Und ja, ich bin ein Risiko eingegangen und – ups – schief gegangen. Und!? Das passiert. Nicht schlimm. Nervig und schmerzhaft und auf Dauer frustrierend aber das geht vorbei. Es ist „nur“ ein gebrochenes Bein.

Diese Reaktion verblüfft mich, denn sie ist neu. Und Leute ich sags euch: es macht mich so glücklich das erleben zu dürfen! Nicht das gebrochene Bein. Das ist – wenn ich es so ehrlich wie möglich ausdrücken darf – scheiße! Absolut unnötig! Braucht niemand. Aber ich kann es nicht ändern also akzeptiere ich es und mache das Beste daraus. Und das Beste ist dieses Gefühl zu genießen. Diese Leichtigkeit die man verspürt wenn man sich selbst nicht hasst wegen etwas das absolut nichts über meinen Wert aussagt. Und genau das nutze ich jetzt, um die Zeit zu überstehen, bis das wieder in Ordnung ist. Ich denke mal darüber nach, was mich so weit gebracht hat so zu reagieren. Wenn mir etwas Konkreteres dazu einfällt als bisher, schreibe ich es euch.

Bis dahin wünsche ich euch mehr Selbstliebe. Seid gnädig zu euch. Mist passiert, aber das sagt nichts über deinen Wert aus. Egal was passiert: DU BIST GENUG!

fanoona

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